Workshop – Tanja Widmann “IT’S OVER”

Wir wollen es alle. Wir versichern, dass wir unser Bestes geben werden – No matter what. Wir machen
uns klein, wir gehen an unsere Grenzen, manchmal heulen wir auch, weil wir es so sehr wollen. Es
lässt unser Begehren nicht ruhen, denn es impliziert Anerkennung, Ruhm, Macht und damit einen
glänzenden Platz in dieser Gesellschaft für das, was man gerne mal Subjekt nennen mag. So lächeln
wir sexy und – so heisst es – professionell, egal was man uns unter dem Code des Challenges
aufträgt. Immer in der Gruppe wollen wir die Gruppe loswerden, jederzeit bereit jede/n andere/n
auszubooten, zu verraten, auflaufen zu lassen. Denn wir wollen zeigen, dass wir es wirklich wollen
und wir wollen es so sehr…


“IT´S OVER“ schreit Faith/Juliette Lewis am Ende einer Szene in Strange Days (R: Kathryn Bigelow;
USA 1995). Klar meint sie damit ihre Beziehung mit Lenny Nero/Ralph Fiennes. Mich aber interessiert
die Performance selbst. Wie sie nämlich dieses IT´S OVER zu einer Handlung werden lässt, wie sie
es vorträgt. Wie sieht die Beleuchtung aus, wie ihr Styling, wie wird sie von der Kamera gerahmt. Wie
wird dieser Satz aufgebaut durch das, was zuvor kommt und das, was darauf folgt. Im zweiten Blick
auf die Szene schleicht sich zudem das Gefühl ein, Faith könnte mit diesem Satzkürzel im Rahmen
des Endzeitszenarios von Strange Days, das die damals noch zukünftige Milleniumsschwelle
beschreiben soll, vielleicht doch nicht nur ihr Verhältnis zu Nero bezeichnen, sondern genausogut den
eigenen Subjektentwurf oder die gesellschaftlichen, ökonomischen wie ökologischen Verhältnisse.
Strange Days, das war vor 9/11, vor dem Crash, vor Fukushima. Und wir wissen jetzt, es läuft alles
munter weiter. Denn auch in der nächsten Staffel wollen wir zeigen, dass wir es wirklich wollen.
Professionell lächelnd gehen wir in der nächsten Stufe der Disziplinierung des Subjekts als
Warenform auf.

Im Rahmen des Workshops wollen wir Formen testen, dieses IT´S OVER neu in Szene zu setzen.
Wie wäre es also, wenn ihr einfach aufhören würdet oder wenn es einfach aufhören würde euch zu
interessieren – in dieser Form, unter diesen Bedingungen. Was wären die Gründe, wie würde eure
Performance, die Performance eurer Mode auf dem Catwalk dann aussehen. Denn bitte sagt mir
nicht, dass ihr alle nur „ein Bild von euch“ wollt. Selbst MM konnte darauf verzichten. Zugleich dient
dieses IT´S OVER dazu, im Workshop die Elemente des Catwalks genauer zu betrachten und zu
analysieren: Dieser pendelt zwischen Bewegung (ephemere Attraktion) und Stillstand, Freeze
(Moment der Deutlichkeit, höchsten Sichtbarkeit). Ist es möglich diese Aspekte zu verschieben,
Sichtbarkeit und Flüchtiges zu verkehren oder in anderer Form in Szene zu setzen? Um welche Art
der Mediatisierung geht es bei diesen Catwalkperformances überhaupt. Wie wirkt das auf die
Modeteile zurück. Was genau performen diese Models? Wir sehen uns Filmclips an, Arbeiten des
Kunstbetriebs, die gerade, weil sie sich verweigern mögen, durchaus glamorous und erfolgreich sind,
Catwalks, Formen und Farben, Bewegungen und Textinszenierungen in grellem Licht und versuchen
daraus die Performance eines fashionförmigen IT´S OVER zu entwickeln.

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